„Der Teufel und die Biersau“

Der Ötscher hat etwas ganz Besonderes an sich. Es mag zwar bestimmt viel höhere Berge geben, aber kaum einen der so mächtig über das Land ragt.  

Natürlich birgt ein Berg wie der Ötscher auch viel Geheimnisvolles,  Interessantes und Mystisches in sich. So manche Geschichten gibt es rund um den Ötscher, so wie auch die Sage vom „Teufel und der Biersau“, die ich euch nun erzählen möchte:

An einem schönen Herbstabend im Jahre 1965 fassten zwei frohgemute Studenten, die zuvor die Tormäuer und Ötschergräben durchwandert waren, den Entschluss, noch die sagenumwobene Ötscherhöhle zu erforschen. Die letzten Sonnenstrahlen leuchteten ihnen den Weg durch das Dickicht bis zum Eingang der Höhle. Die Petroleumlampe war schnell angezunden und spendete nun im sich ausbreitenden Dunkel gerade noch so viel Licht, dass die zwei ringsum 3 Fuß weit sehen konnten.

Anfangs führten noch große Schritte ihren Gang ins Innere des Naturbaus, nach wenigen Metern tasteten sie sich schon vorsichtiger mit ihren Füßen auf dem ungewissen Untergrund. Fest entschlossen und beseelt von dem Gedanken, nicht eher heimzugehen, bis sie die Kammer der goldenen Zapfen gefunden hatten, schritten die zwei beharrlich weiter in das Berginnere.

Von der Kammer der goldenen Zapfen hatten schon viele von den Alten erzählt: Es handle sich um eine Kammer im Inneren des Ötschers, wobei aber keiner jemals genau wusste, wo sich diese tatsächlich befand. Wenn die Geschichten stimmten, war die Kammer unter einem unterirdischen Gewässer gelegen, das im Inneren des Ötschers entsprang und nirgends außerhalb des Berges zu sehen war. Angeblich war das Wasser getränkt mit Gold. An dieser Stelle fingen die Augen der Alten stets zu glänzen an und sie lachten. Und plötzlich hörten sie auf zu erzählen. Sie wurden ganz still, schwiegen lange, und meinten mit ernster, fast grimmiger Miene, dass das ein gefährlicher Ort sei. Auf die Frage nach dem Grund dafür antworteten sie zögerlich, dass dort früher um die Tage der Herbstsonnenwende der Leibhaftige mit seinen Untertanen wilde Feste gefeiert haben soll. Man müsse sich dort vor Hexen und bösen Geistern in Acht nehmen.

Unsere beiden Burschen stapften vorsichtig durch den Lampenschein tiefer in den Ötscher hinein. Beiden gingen die Erzählungen durch den Kopf: ein goldgetränkter Fluss, Goldwasser, das man wohl nur mehr destillieren musste ... aus Gedanken und Träumen herausgerissen, blieb einer der beiden – der hintere – abrupt stehen. Hatte er da nicht etwas gehört, kurze, leise Schritte wie von einem Kind? Der vordere drehte sich mit der Lampe um und leuchtete mit dem schwachen Schein gründlich die Verwinkelungen des Ganges aus, konnte aber nichts erkennen. Wahrscheinlich hatte der hintere sich das bloß eingebildet. Sie stapften weiter. Zur gleichen Zeit, als der eine bemerkte dass es in dem Höhlengang immerzu feuchter wurde und die Luft mehr und mehr modrig roch, hörte nun der vordere etwas. Was hatte er da vernommen? Er dachte, er hätte Gesang und Musik gehört, schallendes Gelächter und irres Gebrüll, bodenerzitterndes Stampfen und gellende Schreie – fast wie bei der letzten Budenparty, erinnerte er sich schmunzelnd.

Plötzlich drangen geheimnisvoll helle Lichtstrahlen aus einem Spalt in der Wand. Beiden stockte der Atem. Der Spalt wurde größer und verbreiterte sich zu einem Eingang. Das gleißende Licht schien aus einem in die Höhe führenden Schacht zu kommen. Trotz rutschigen Gesteins kletterten die zwei an steineren Fußstapfen, die in den Fels geschlagen zu sein schienen, den Schacht empor. Die Kletterei drohte kein Ende zu nehmen, immer höher und weiter kamen sie hinauf. Das Licht verwandelte sich nun von Weiß zu Gelb und nach und nach zu Gold. Der Lärm und die Musik wurde unaufhörlich lauter, schon beinahe unerträglich. Sie trauten ihren Augen nicht, als sie einen durch und durch von Gold glänzenden Saal betraten, in dem sich eine Schar von hübschen Damen um eine festlich geschmückte Tafel gesammelt hatte, um gerade ausgelassen mit ihrem Gastgeber, einem spitzbärtigen Mann in dunkler Gestalt, deftig zu feiern.

Die Neuankömmlinge wurden ohne große Überraschung freundlich empfangen und durften links und rechts vom eleganten Herren Platz nehmen. Sogleich wurden ihnen köstlichste Speisen gereicht und exzellenter Wein serviert. Stundenlang feierten sie in der fröhlichen Runde mit.

Auf einmal begann ein fürchterliches Tosen in dem Schacht, aus dem sie den Saal betreten hatten. Und da stand sie: eine Hexe mit einem Kind im Arm. Die Studenten drehten sich zur Festschar um und mussten mit Erschrecken feststellen, dass die ganze Gesellschaft nun mehr weniger aus vornehmen Damen und Herren als viel mehr aus abgrundtief hässlichen gespenstischen Furien und einem finstren hinkenden Gesellen bestand. Mit bangen Gesichtern schlichen sie auf allen vieren zu dem Loch aus dem sie heraufgeklettert waren. In der Zwischenzeit hatte der Leibhaftige das Kind in Empfang genommen und vor sich auf den Tisch gelegt. Er murmelte etwas von „neugeboren“ und „Kraft für ein weiteres Jahr“ und „Opfer“. Da fasste sich einer unserer beiden Helden ein Herz und klopfte dem Lucifer kräftig auf die Schulter: „Loss des Kind in Ruah!“, rief er ihm ins Gesicht. Der Herr mit Pferdefuss drehte sich langsam um, und meinte kühl: „Da musst du mir schon was geben dafür!“

„A Biersau kaunst haum!“, erwiderte darauf der Student ungehalten.

Der Teufel willigte ein, wobei er allerdings noch nicht so recht wusste, worauf er sich da eingelassen hatte. Kurz wurden ihm die Regeln erklärt, woraufhin er sein süffisantes Lächeln zu einem gequälten einfältigen Grinsen verzog. Dennoch musste er aber dann sein Wort halten und mit „Sitzt!“ antworten. Natürlich wollte der studentische Brauch mit Bier durchgeführt werden, so stand es im alten Comment. Da die Festgesellschaft nur Wein zu bieten hatte, bot der eine Student an, das im Rucksack mitgebrachte Bier zu verwenden. – Das war dem gehörnten Herrn recht, und schon hörte man nach dem Ploppen des Kronkorkens ein sympathisches Plätschern in einem diabolischen Krügelglas. Während der eine Student mit dem Teufel zur Wiederholung noch einmal die Spielregeln durchging, konnte man noch einmal ein sympathisches Plätschern in einem Glas vernehmen, diesmal aber ohne vorheriges Ploppen. Mit fröhlicher Miene servierte der zweite Studiosus die präparierten Stöffer.  

Das Kommando fiel, die Duellanten setzten an, und kippten mit einem Zug das Glas. Nur einer von den beiden war etwas schneller fertig. – Es war unser Student, der nun erfreut lächelte. Sein Gegner verzog sein ohnehin durch Narben und Krätzen entstelltes Gesicht zu einer erbärmlichen Fratze, und spuckte aus. So ein grausliches Getränk hätte er noch nie in seinem Leben getrunken. Als die Studenten beteuerten, dass sie davon alle Wochen einige Liter in sich hinein kippten, wurde dem Teufel ganz bang und er erblasste vor Neid und gleichzeitiger Ehrfurcht. Mit Burschen, die es zu Stande brachten, ein dermaßen abscheuliches Gebräu zu trinken, wollte er eindeutig nichts mehr zu tun haben. Wer weiß, wozu die sonst noch fähig waren?

Nun - Für dieses Mal war er geschlagen. Mit lautem Krach und einer stinkenden, schwefligen Wolke verschwand die ganze wilde Schar in dem Schacht. Und es wurde finster, aber nicht ganz: Erst jetzt fielen den beiden die goldenen Zapfen auf, die da von der Decke des Saals zu wachsen schienen und ähnlich den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen den Saal erhellten. Von ihnen tropfte golden glitzerndes Wasser herab. Das musste sie sein, die Kammer der goldenen Zapfen. Staunend und mit offenen Mündern genossen sie den Anblick, als sich eine zarte Stimme zu Wort meldete. Neben ihnen stand ein kleines Wesen, das ihnen bestätigte, dass sie die zweiten waren, die die Kammer gefunden hatten.  – Und wer hätte sie als erster gefunden?, fragten sie neugierig. Ebenso zwei junge Männer seien das gewesen, von denen aber nur einer den Weg zum Ausgang finden durfte, weil der andere sein Leben für das eines neugeborenen Kindes eingelöst hatte und seine Seele somit verdammt war, solange in der Ötscherhöhle zu bleiben und die Kammer der goldenen Zapfen zu bewachen, bis der Höllenfürst besiegt war.

Der Zwerg führte sie sicher zum Ausgang, wo sie sich mit dem letzten Bier aus ihrem Gepäck bei ihm bedankten. – Als sie noch grübelten, warum sie sich nicht getraut hatten, den Zwerg nach einem der goldenen Zapfen zu fragen, und sich aber gleichzeitig doch sehr erleichtert freuten, noch am Leben zu sein, stellten sie mit großer Verwunderung fest, dass ihre Gewänder über und über mit Goldstaub voll waren, der durch die feuchte Luft in der Kammer haften geblieben war. Den brauchten sie nur abzuklopfen.  

Neben ihnen im laubigen Waldboden steckten außerdem zwei Zapfen aus der Kammer, diese waren aus purem Gold. – Somit stand einem unbesorgten Studentenleben nichts mehr im Wege …    Gepetto