Adventbesinnung 2010

Advent 2010 – perfekt der erste Schnee zum ersten Einkaufssamstag, die Stille gnadenlos durchbrochen von lärmender Geschäftigkeit, und . mittendrin Versuche, ein bißchen zu retten, was Advent sein sollte.

Wir Ötscherländer laden einen von uns ein, mit uns und für uns «still» zu sein. Echnaton    (ist sein Couleurname Omen?) hat jahrelang die Ausbildung zum Diakon auf sich genommen und ist jetzt in seiner Pfarre schwer engagiert.

Er nimmt uns mit in eine Meditation zur Überlegung, ob das geschriebene Wort die dahintersteckende Botschaft beeinflusst, wenn nicht sogar verdeckt.

Aus Stille wird Raunen und Reden, die Zuhörer werden zu Teilnehmern, das Denken wird zum Fühlen. Echnaton schafft es, für eine kleine Weile, für einen kleinen Raum und für eine kleine Schar von Bundesbrüdern, das Wesen des Advents, dieses Erwarten Gottes, spürbar zu machen am Verhältnis von Buchstabe und Sinn, Schrift und Glaube.

Gesegnete Weihnachten, Echnaton! Und Euch allen!   Franz Handl


GEDANKEN ZUR WEIHNACHT

DIE GESCHRIEBENEN WORTE HÖREN

Man muss nicht alles wissen, aber man muss wissen, wo es geschrieben steht. Diese Weisheit hören wir sehr oft. Man kann nicht alle Erfahrungen machen, aber es ist nützlich zu wissen, wo sie niedergeschrieben sind. Vieles von dem, was Menschen je erdacht und erfahren haben, steht geschrieben. Und wer viel Geschriebenes weiß, gilt als gebildet. Das Wort hat eine große Bedeutung. Geschriebene Worte sind aber eigentlich tote Worte – sie müssen nämlich von dem, der sie liest und hört erst erweckt werden. Die Erfahrung, die sie beschrieben, muss neu erstehen. Das Wissen, das sie bergen, muss angeeignet werden. Der Gehalt eines Wortes muss nachvollzogen werden.    

(aus: Zu neuem Leben geboren, Geistl. Übungen im Advent, Knollmeyer, Ketteler, Echter 2001)    

Wenn wir die Hl. Schrift betrachten so müssen wir zunächst einmal zugeben, dass sich unser Glaube auf das geschrieben Wort bezieht. Es ist quasi im Buch, in der Bibel niedergelegt. Aber dieses niedergelegte Wort muss auferstehen, sonst bleibt das Wort tot. Das ist schon ganz interessant, dieses Auferstehen, dieses Aufstehen  und neu zu beginnen ist etwas Wesentliches in unserem christlichen Glauben, es begegnet uns in vielen Formen – von Abram bis Jesus Christus.

Der Prophet Jesaja hat um die toten Worte gewusst, um die Gottesworte, die totgeblieben sind – ungehört, totgeschwiegen oder im Zerreden abgestorben. Wie sonst könnte er verkünden: „die Tauben werden hören, sogar Worte, die nur geschrieben sind. (Lies dazu Jes 29,17 – 24).

Wie stehen wir zum geschriebenen Wort? Gerade jetzt zur Advent- und Weihnachtszeit ist das hochaktuell. Wir zelebrieren unsere Traditionen, hören adventliche Texte und Lieder und feiern die Liturgie dieser Tage des Gedenkens an die Geburt unseres Herrn Jesus Christus. Ist das alles nur eine „schöne G‘schicht“, oder doch mehr? Nehmen wir das Gehörte nur auf wie einen Film in Fernsehen, lassen wir uns nur berieseln, weil ohnehin alles rings um uns laut, lärmend und belastend ist oder bewegt uns dabei etwas?

Wenn wir die Hl. Schrift und da vor allem die Bücher des Alten Testaments als die niedergeschriebene Erfahrung von Menschen mit Gott und das über viele Jahrhunderte hinweg anerkennen, dann sollte es auf jeden Fall wesentlich mehr sein als eine „schöne G‘schicht“. Nämlich eine Aufforderung, sich dem Geschriebenen zu stellen und es zum Leben zu erwecken. Mit aller Konsequenz die damit verbunden ist.

Das Wort ist aber nicht nur das Geschriebene, sondern es hat auch noch eine weitere Bedeutung im christlichen Sinn. Wenn wir den Johannesprolog betrachten, ist es untrennbar mit Gott und der Offenbarung Gottes in Jesus Christus verbunden.

„Alles ist durch das Wort (Logos) geworden und ohne das Wort wurde nichts. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ (Joh 1, 3 – 4, 9)

Hier wird das ganze Weihnachtsgeschehen auf eine andere Art beschrieben, nicht wie bei Lukas mit der Geburt in der Krippe und den Engeln und Hirten, wie es uns so vertraut ist. Bei Johannes offenbart sich Gott in Jesus Christus noch einmal ganz drastisch, nämlich im Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat. Hier wird all das, was die Menschen seit langem mit Gott erlebt, erfahren und niedergeschrieben haben, ganz einzigartig lebendig. In einer Art, die uns vertraut ist, nämlich in der Person eines Menschen. Um endlich die letzten Zweifel auszuräumen, denn nun können wir Gott begreifen, das Wort sehen, hören, angreifen. Wir können mit ihm mitgehen, mitleben und erfahren seine ganze Wirkung auf uns Menschen. Es wird plötzlich lebendig, es lässt Rückschlüsse auf das bereits Bekannte in den alten Schriften zu und lässt uns in der Person Jesu Christi die Absichten Gottes mit uns Menschen erkennen. So richtig wird es uns aber erst im Ostergeschehen durch die Auferstehung und die darauffolgende Gabe des Hl. Geistes erkennbar und bewusst. Das Wort, das zu Weihnachten Fleisch geworden ist, musste auferstehen, damit wir Menschen endlich begreifen, was Gott uns sagen will.

Das Auferstehen, dieses Erwecken müssen wir aber zulassen, es genügt sicherlich nicht, einfach nur die heiligen Schriften zu lesen und Wissen anzuhäufen. Es ist ganz wesentlich, die Worte in uns und für uns lebendig werden zu lassen. Es ist unsere Pflicht, sich damit auseinander zu setzen, sie mit der Situation von uns Menschen in der heutigen Zeit zu vergleichen und sie auch in eine Sprache zu übersetzen, die es Menschen unserer Zeit möglich macht, sie zu verstehen. Dieses Übersetzen geschieht in zahlreichen guten Büchern von anerkannten Theologen, Priestern und Menschen, die ihre Erfahrungen mit Gott publizieren und weitergeben. Für mich ist das so etwas wie ein Weiterschreiben der Hl. Schrift in der Reflexion der Botschaft an der konkreten Welt, in der wir jeweils leben. Und schließlich ist es auch notwendig, persönlich zu versuchen, diese Schriften zum Leben zu erwecken, sie am eigenen Leib zu verspüren. Das ist vor allem auch notwendig, um das Dahinter zu entdecken. Am Wort selbst und nur am Wort, am Geschriebenen zu verhaften, würde alles tot bleiben lassen. Das Wort, die Schrift drehen und wenden, es mit dem konkreten Leben zu konfrontieren und seine Absicht zu ergründen, das macht es lebendig. Plötzlich erscheint die Bedeutung des Geschriebenen und alles beginnt sich zu bewegen. Unser Denken und unser Leben.

Gerade die Geburt Jesu Christi und sein kurzes Leben mit uns Menschen, aber auch sein Tod und vor allem das Osterereignis waren der Höhepunkt dessen, was wir mit dem Auferstehen des geschriebenen Wortes in der Hl. Schrift aber vor allem mit dem Lebendigwerden Gottes in unserer Welt gleichsetzen dürfen. Was mit dem Weihnachtsgeschehen so großartig begonnen hat, hat uns Menschen schließlich erkennbar und begreifbar das Heil gebracht. Bei aller menschlichen Tragik wurde uns in einer großartigen Gabe die Liebe Gottes geschenkt in der Person Jesu Christi.

Wenn es uns gelingt, nicht in Formen (geschrieben oder nicht) verhaftet zu bleiben, sondern mutig die Botschaft Gottes für uns Menschen lebendig werden zu lassen, dann kommen wir der Absicht Gottes, die uns durch die Geburt zu Weihnachten eröffnet worden ist, sehr nahe. Dieses Lebendigwerden verlangt aber vor allem unser Handeln. Ein Handeln, das durch verstandene Worte plötzlich möglich und akzeptiert werden wird. Das uns sicherlich etwas abverlangt, das aber zu einem großen Verständnis unter uns Menschen, zu Frieden und Toleranz führen und zu einem Beitrag für eine bessere Welt werden kann. Das in unseren Mitmenschen und in uns zu leben beginnt, wenn wir ehrlich, großzügig, mit Mut, offenem Herzen und wachem Verstand darauf reagieren. Das Lebendigwerden der Hl. Schriften und der Botschaft Jesu geschieht im offenen Umgang damit, im Bewusstsein, dass dies die Basis unseres christlichen Glaubens ist. Es geschieht im Sinne von sehen, urteilen und handeln, drei wesentlichen Säulen des christlichen Menschen. Es geschieht in ganz Alltäglichem. In Aufmerksamkeit gegenüber dem Nächsten, wenn wir uns selbst nicht immer in den Vordergrund stellen, in einer Bereitschaft zum Teilen und Offenheit für die Sorgen, Anliegen und Nöte der Menschen. Es geschieht ganz einfach in einer verantwortungsvollen Kommunikation mit der Welt im allumfassenden Sinn. Und das haben wir sehr nötig.

Treten wir daher mutig und offen der Weihnachtsbotschaft entgegen, lassen wir sie lebendig werden, öffnen wir unsere Herzen und unseren Verstand und das Wesen der Weihnacht wird in uns und bei unseren Mitmenschen sichtbar werden.  H. Braun