AC - "Warum musste Jesus sterben

Am Freitag, dem 13. März 2009 hielt unser Bundesbruder  Exitus einen beeindruckenden Vortrag, der nachstehend in Kurzfassung wiedergegeben wird. 

„Warum musste Jesus sterben?“ – eine Frage zur Passionszeit…

Obwohl es sich bei dieser Frage um einen zentralen Inhalt unseres Glaubens handelt (es steht nichts weniger zur Debatte als das Geheimnis von Ostern…) ist leider oftmals ein erschreckender Mangel an Wissen um dieses Thema selbst bei gläubigen Christinnen und Christen festzustellen. Hier geht es aber um Kernkompetenz christlicher Theologie – und daher zahlt es sich aus, der Frage nach dem Tod Jesu nachzuspüren…

  Zu Beginn muss ein historischer Befund anhand jener historischen Quellen erhoben werden, die uns über Jesus zur Verfügung stehen. Das gestaltet sich in mehrerlei Hinsicht schwierig: Zum Ersten, da das Christentum keine Buchreligion ist, sondern eine Personreligion – es geht um die Person Jesus Christus als Erlöser, als Heilsbringer, der die Hoffnung auf individuelles Heil ebenso nährt wie die Schaffung des Reiches Gottes vorantreibt. Wenn nun von diesem Jesus etwas niedergeschrieben wurde, dann sind diese schriftlichen Zeugnisse, sofern sie von Anhängern geschrieben wurden, immer schon von diesem singulären Eindruck überformt, den Jesus auf die Menschen machte. Das macht eine „objektive“ Quellensondierung schwierig. Zweitens ist Christus zu allen Zeiten eine Identifikationsfigur gewesen – und bis heute geblieben. Daher wundert es nicht, dass Jesus immer so interpretiert wurde, wie es die jeweilige Zeit erfordert hat: Als weiser Mensch, als Prophet, als Sozialutopist, als Visionär einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, ja, in unserer heutigen „sexuell befreiten“ Gesellschaft in Kombination mit Maria Magdalena als Vorkämpfer der freien Liebe. Die Quellen der Anhänger müssen somit (leider) als Projektionsflächen der jeweiligen Anliegen herhalten. Das liegt aber wiederum in dieser Singularität dieses Jesus Christus, der jeden und jede von uns in seine Nachfolge ruft – die „Imitatio Christi“ war und ist ein Prüfstein christlicher Identität und Frömmigkeit (die man auch eindeutig von schwammiger Spiritualität unterscheiden kann…).

Als biblische Quellen sind die Evangelien, aber auch die Paulusbriefe zu nennen, deren früheste Exemplare noch vor die Zeit der Evangelien zu datieren sind.

Die offizielle Geschichtsschreibung ignoriert Jesus nahezu ausnahmslos. Sueton macht in seiner Biographie des Kaisers Claudius eine Nebenbemerkung über die „von Chrestus aufgehetzten Juden“, Tacitus schreibt über die Christen in der Biographie von Kaiser Nero. Diese dürftige außerbiblische Quellenlage erklärt sich aus dem Umstand, dass Geschichtsschreibung in früherer Zeit hauptsächlich „von oben“ bestellt und getätigt wurde. Eine aufrührerische Sekte am Rande des Reiches war nicht im Blickfeld der offiziellen Biographen der Herrschenden.

Ebenso wie heute ist Palästina zur Zeit Jesu ein Wetterwinkel der Weltpolitik. Als Angelpunkt zwischen Kleinasien, Ägypten und dem vorderen Orient war es vielen Kämpfen ausgesetzt und es gelang der Bevölkerung mehrfach in der Geschichte nur mit Mühe, die staatliche Unabhängigkeit einigermaßen zu wahren. Seit 63 v. Chr. war das Land durch römische Truppen besetzt. Rom herrschte durch Unterkönige, deren Dynastie für die Zeit Jesu man heute „Herodianer“ nennt, nach jenen Herrschern, die den Namen „Herodes“ trugen. Einerseits wurde römischer Imperialismus gepflegt (Bau römischer Tempel und Palastanlagen, Gründung neuer Städte wie z.B. Caesarea Philippi oder Tiberias), andererseits wurde auch der jüdische Tempel erweitert und verschönert – die römischen Besatzer hatten aus früheren Militärinterventionen gelernt, dass man das jüdische Volk in seinem Monotheismus belassen müsse.

Aus religiöser Sicht war die Zeit Jesu nicht minder turbulent: Endzeitliche Erwartungen (man denke an Johannes den Täufer!) und die Sehnsucht nach Befreiung von der Besatzung durch die Heiden trugen ebenso zur Erhitzung des innenpolitischen Klimas bei wie die Prediger jüdischer Sekten (z.B. Gemeinschaft von Qumran) und die schwindende religiöse Macht der Sadduzäer, die als alter Tempelpriesteradel ihre Anschauungen verteidigten.

Jesus wird mit all diesen Gruppen konfrontiert – am meisten Auseinandersetzungen sind uns aber mit der Gruppe der Pharisäer überliefert. Anders als die Sadduzäer sind sie nicht nur auf den Tempelkult reduziert, ihr Anliegen besteht viel mehr darin, die Vorschriften des Tempels auch auf das Alltagsleben zu übertragen. Dadurch ergeben sich viele Fragen, wie diese oder jene Angelegenheit auszulegen und zu handhaben sei. Hier liegt das Konfliktfeld jener theologischen Fragestellungen, die Jesus im Diskurs mit den Pharisäern austrägt.

Jesus hat ähnliche theologische Anliegen wie seine Umwelt. Ähnlich wie Johannes der Täufer lebt und wirkt er in einem theologischen Horizont der Endzeit. Man wartet auf das Eingreifen Gottes – und auf das Kommen seines Reiches. Jesus aber nimmt für sich in Anspruch, dass mit ihm selbst – in seiner Person – das Reich Gottes angebrochen sei. Das ist unerhört – das provoziert. Die Rede vom Reich Gottes ist der zentrale Inhalt des Auftretens Jesu, sowohl in seinen Bildreden („Ihr seid das Salz der Erde…“) als auch in seinen Gleichnissen (Arbeiter im Weinberg, kostbare Perle, der Sämann) und in seinen Wundern. Die Bitte um dieses Reich Gottes überantwortet Jesus sogar an zentraler Stelle – im Vater unser – seinen Jüngern. Deshalb ist es auch unredlich, Jesus auf sein innerweltliches Wirken, auf sein Gutmensch-Sein zu reduzieren: die Botschaft vom Reich Gottes, also dem Jenseits, ist der Kernpunkt seines Auftretens und Wirkens. Es konstituiert sich auch ein neues Volk als Träger der Gottesherrschaft: Jeder, der sich an Jesus orientiert, unabhängig von Herkunft oder bisheriger Religion (vgl. Gleichnis vom barmherzigen Samariter).

Die letzten Tage des Lebens Jesu bilden den durch Quellen am besten belegten Zeitraum. In Jerusalem wird das Paschafest gefeiert, tausende Juden aus dem ganzen Landstrich strömen in die Heilige Stadt und gedenken dort der Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten. Aus politischer Sicht sind diese Tage äußerst gefährlich: Die Freiheitsthematik wird in den Gottesdiensten aktualisiert, viele Juden sind in der Stadt. Um für Ordnung zu sorgen und im Notfall schnelle Gerichtsbarkeit zu ermöglichen kommt der Präfekt Pontius Pilatus sogar aus seiner Residenzstadt Cäsarea Philippi nach Jerusalem. Auch Jesus findet sich dort ein – was wenig verwunderlich ist. Für ihn ist es eine Reise mit hohem Risiko. Auf ihn konzentrieren sich Erwartungen an den Messias, an den politischen Befreier, an den „neuen David“. Bei seinem Einzug in Jerusalem wird ihm ein großer Empfang bereitet, was wir Katholiken am Palmsonntag feiern. Die Provokation, die schließlich zur Leidensgeschichte führt, begeht Jesus in jener Tat, die uns als „Tempelreinigung“ überliefert ist. Er bezeichnet den alten Tempelkult als überholt, womit er den Nerv der Sadduzäer trifft, die gerade in diesen Tagen für einen besonders würdigen und gottgefälligen Ablauf des Tempelkultes Sorge tragen. Das Problem, wie man Jesus unauffällig aus dem Verkehr ziehen könne, löst sich auf unerwartete Weise durch Judas Iskariot. Seine Rolle ist nur schwer eindeutig zu definieren – vielleicht begeht Judas den Verrat deshalb, weil er Jesus so weit provozieren will, dass dieser doch sein wahres Gesicht zeigen muss und die Herrschaft in messianischer Allmacht an sich zieht. Doch Judas verrechnet sich: Jesus lässt sich gefangen nehmen und vor Gericht stellen.

Nach dem gemeinsamen Mahl mit seinen Jüngern nimmt die Tempelpolizei Jesus fest. Dass er sich außerhalb der Stadt zum Gebet zurückgezogen hat begünstigt dieses Vorhaben. Damit bleibt die Ruhe in der Stadt gewahrt. So führen die politisch wie religiös explosive Stimmung in Jerusalem ebenso wie die hohen Erwartungen an Jesus zu Verhandlung, Leidensweg und Kreuzigung. Jesus antwortet im Gericht noch einmal mit seiner zentralen Botschaft: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“

In der theologischen Betrachtung stellt sich die Frage, warum es so weit kommen musste, dass Gott gekreuzigt wird. Die Soldaten unter dem Kreuz rufen im Spott: „Steig herab vom Kreuz, und wir werden glauben, dass Du Gottes Sohn bist…“ Jesus aber tut das nicht: Ebenso wie bei den biblisch überlieferten Wundertaten ist es auch in der Stunde der Kreuzigung nicht im Sinne Jesu, durch eine Machttat den Glauben der Menschen an seine Göttlichkeit zu erzwingen. Was wäre denn auch die Konsequenz daraus? Menschen, die ihre Freiheit zum Glauben verloren hätten – und mit der Freiheit zur Entscheidung zum Glauben hätten sie ihre Würde als Menschen aufgeben müssen. Wir halten als Satz des Karfreitags fest: So groß ist die Liebe Gottes zu uns Menschen, dass er uns nicht zwingt an ihn zu glauben, selbst wenn wir ihn verhöhnen, foltern und kreuzigen. Jesus ist verstorben an seiner Liebe zu uns Menschen – der Liebe zu unserer Freiheit und zu unserer Würde. So wird klar und verständlich, wie wir auch aneinander handeln müssen: Nämlich so, wie Gott an uns es getan hat! Denken wir daran, wenn uns der Priester nach der Wandlung auffordert, dieses tiefste Geheimnis unseres Glaubens zu bekennen: „Deinen Tod, o Herr verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir bis Du kommst in Herrlichkeit!“  

MMag. Petrus Stockinger CanReg

Augustiner-Chorherrenstift  Herzogenburg

 

Dieser Beitrag ist die Kurzfassung des gleichnamigen Vortrages, den der Autor am 13. März bei Ötscherland Scheibbs gehalten hat. Kürzungen gegenüber dem gesprochenen Wort waren unvermeidlich.

Literaturtipps:

Jürgen Roloff: Jesus (Beck’sche Reihe, ein günstiges Taschenbuch zu den Grundlagen)

F. Dostojewskij: Der Großinquisitor (aus: Die Brüder Karamasow); als Reclam-Heft erhältlich.